Jugendamt
 
 

WILDER MANN UND MULTIPLEX

 
Kinogeschichte(n) aus Gebersdorf

 
 
B1 Gasthaus „Zum Wilden Mann“. Fotografie1956

 
Kurze Zeit, bevor die Gebersdorfer im Jahr 1899 nach Nürnberg „einverleibt“
wurden, waren auf dem Volksfest die ersten „lebenden Photographien“, wie
es damals hieß, zu bewundern. Sieben Jahre später wurde in der Nürnberger
Innenstadt das erste „feste“ Kino eröffnet.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erreichten die ersten Lichtspieltheater auch
die Außenbezirke der Stadt. Dazu gehörten auch die „Parklichtspiele“ in Ge-
bersdorf. So berichteten im Herbst 1949 die „Nürnberger Nachrichten“:

„Unter Lizenz von Karl Bauer wurde der frühere Tanzsaal der Gastwirtschaft
Bauer in Nürnberg - Gebersdorf zu einem modernen Lichtspieltheater umge-
baut. Der 220 Personen fassende Zuschauerraum ist geschmackvoll und mo-
dern ausgestattet, durch einen Holzdeckenbelag wird die Bild- und Tonwieder-
gabe günstig beeinflusst. Die technischen Anlagen sind nach den neuesten
Gesichtspunkten eingerichtet. Wenn die Veranstaltungen vorerst auch nur vier
Tage, von Freitag bis Montag beschränkt werden müssen, so hofft man doch,
bald zu täglichen Vorstellungen übergehen zu können“.

 
 
B2 Ausschnitt Bild 1
 
Zwei Tage später sind, laut einer Anzeige in derselben Zeitung, Albert Lieven
und Jean Kent in einem abenteuerlichen und spannenden Film mit dem Titel
„Schlafwagen nach Triest“ zu sehen.
Aber nicht nur Spielfilme wurden in den Park-Lichtspielen gezeigt. Frau L. aus
Gebersdorf berichtet von dem heute unvorstellbar großen Interesse an Werbe-
filmen, die immer sehr gut besucht waren.
Sie erinnert sich besonders an die Reklame des Waschmittelherstellers Hen-
kel, wo der „perfekte“ Umgang mit den firmeneigenen Produkten anschaulich
demonstriert wurde: Nachdem ein Schlotfeger seinen Ruß auf der weißen
Wäsche hinterlassen hatte, wusch die Waschfrau Klementine mit Hilfe der
Henkelprodukte „Henko“, „Sil“ und „Persil“ wieder alles weiß.

 
 

B3 In der Baulücke in der Bildmitte stand bis 1973 der „Wilde Mann“, Fotografie 2005

 
Bei dem neuen Kino in Gebersdorf handelte es sich um einen Saal der Gast-
wirtschaft „Zum Wilden Mann“, der kinotauglich ausgebaut wurde. Trotz der
Namensgleichheit war Karl Bauer keineswegs mit der Wirtshausdynastie der
Bauers verwandt, die
über lange Zeit die Geschicke des „Wilden Mannes“
lenkte, allen voran der Wirt Leonhard Bauer, der im folgenden Foto bei einer
Bierlieferung zu sehen ist.

 
 
B4 Leonhard Bauer vor seinem Gasthaus. Fotografie 1920er Jahre

 
Karl Bauer dagegen stammte laut einer Zeitzeugin aus dem Sudetenland und
hatte dort bereits ein Kino betrieben. Im Krieg sei er bei einer Militärbildstelle
tätig gewesen.
Nach offenbar geschäftlich erfolgreichen Jahren errichtete er 1960 in der Fel-
senstraße ein neues Kino, dessen Gebäude heute noch erhalten ist.


 
 
B5 Ehemaliges Kino an der Felsenstraße 5. Fotografie 2003

 
Weitgehend unbekannt ist dagegen, dass Gebersdorf bereits im Jahr 1921
Ziel eines groß dimensionierten Kinoprojekts gewesen ist, das man heute
wohl als Multiplex-Kino bezeichnen würde.

 
 
B6 Geplantes Kinogebäude. Zeichnung 1921

 
So plante die „Burg-Film G.m.b.H.“ den Bau eines Kinos in repräsentativem
Stil auf einem Areal zwischen Rednitz und späterer katholischer Kirche.

 
 
B7 Lageplan
 

Neben einem riesigen Filmhaus mit Orchestergraben und allen notwendigen
Anlagen sollte noch ein Restaurant und ein Verwaltungsgebäude errichtet
werden.

 
 
B8 Gesamtansicht des Multiplex-Kinos. Zeichnung 1921

 

Vorbei an einer Brunnenanlage hätte man hang abwärts über einige Treppen
lustwandelnd die Rednitz erreichen und auf dem dort geplanten Sportplatz der
Leibesertüchtigung nachgehen können.
Warum die „Burg-Film G.m.b.H.“ gerade in Gebersdorf ein derartiges Projekt
plante, weiß heute niemand mehr. Interessanterweise entstanden die Kinos in
den Vorstädten erst Ende der 1940er Jahre. Vermuten kann man allerdings,
dass Gebersdorf, wie man es heute nennen würde, einen hohen Freizeitwert
besaß. Mit den Flußbädern und mehreren Ausflugsgaststätten war unser Stadt-
teil an Sonntagen Ausflugsziel vieler Arbeiterfamilien aus der etwa einen Stunde
entfernten Südstadt. Neben den Ausflüglern profitierte Gebersdorf auch von den
nahe gelegenen Kasernen und dem Truppenübungsplatz Hainberg. Ein Kino in
diesem Umfeld hätte sich also durchaus rechnen können.
Letztlich scheiterte das Projekt an den Einwänden der Nürnberger Stadtverwalt-
ung, wo interessanterweise nicht so sehr die erwarteten Abwässer eine Rolle
spielten, sondern die „ungeklärten Verhältnisse, welche hinsichtlich der Bebau-
ung des dortigen Geländes, und zwar insbesondere wegen des künftigen Groß-
schiffahrtswegs vorhanden sind“.
Heute wissen wir, dass der Main-Donau-Kanal nordöstlich an unserem Stadtteil
vorbeiführt und auf dem Gelände des geplanten Kinos stehen nun Wohnhäuser.
Nürnberg musste bekanntlich noch bis 1995 auf sein Multiplex-Kino warten und
die Gebersdorfer haben schon lange kein Kino mehr. Die Park-Lichtspiele von
Karl Bauer schlossen bereits in den 1960er Jahren ihre Pforten.

   

Reiner Eismann

 

Bildnachweise
 
 
Stadtarchiv Nürnberg:
Bild 1,2,6,7,8
A 39/III Nr. Fi-G 474

C 20/V Nr. 7348
Georg Lauchs:
Bild 4
Reiner Eismann:

Bild 3,5
 
 

Danksagung
 
 
Der erste Artikel beschäftigt sich mit der Kinogeschichte unseres Stadtteils
und stammt von Reiner Eismann vom Zippo.
Dank hier vor allem dem Stadtarchiv Nürnberg, insbesondere Frau Fischer-Pache,
die einer unentgeltlichen Veröffentlichung von Bildmaterial zugestimmt haben.

 


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